Dr. med. Benedikt Buse
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Facharzt für Neurologie FMH
Alpenstrasse 4
CH-6004 Luzern
Tel.: 041-4107071

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    "Unser Wunsch nach Unsterblichkeit: Vom Nutzen der Psychotherapie"

     

"Wozu Psychotherapie ?", werde ich als Arzt von Ratsuchenden oft gefragt. Eine Antwort versuche ich mit diesem Aufsatz zu geben. Er ist als ein Versuch zu werten, meinen Eifer und Überzeugungen darzulegen und zu erklären.
 

Ein Experiment

Man stelle sich einmal folgende Situation vor: In einem dicht gefüllten Saal werden Menschen, die sich gegenseitig nicht kennen, aufgefordert, sich paarweise anzuordnen und sich gegenseitig immer wieder eine einzige Frage zu stellen: "Was willst Du ?"

Was könnte einfacher sein ? Eine harmlose Frage in der Erwartung einer  ehrlichen Antwort. Dennoch- unerwartet starke Gefühle können durch diese Situation ausgelöst werden. Innerhalb von Minuten entsteht eine emotionsgeladene Atmosphäre im Raum. Männer und Frauen- keineswegs nur verzweifelte oder hilfsbedürftige, sondern auch durchweg erfolgreiche, lebenstüchtige Menschen- werden gleichermaßen in ihrem Inneren aufgewühlt. Sie rufen nach Angehörigen, die für immer verloren sind- verstorbene oder verschwundene Eltern, Partner, Kinder und Freunde. "Ich will Dich wiedersehen". "Ich will Deine Liebe". "Ich will, dass Du stolz auf mich bist". "Ich will Dir endlich sagen, was ich für Dich empfinde". "Ich will, dass Du zurückkommst, ich fühle mich einsam". "Ich will endlich die Kindheit erleben, die ich nie hatte". "Ich will, dass Ihr Euch nicht mehr streitet".  "Ich will wieder gesund sein, wieder jung sein, alle Möglichkeiten haben, mein Leben neu beginnen. Ich will meinem Leben einen Sinn geben. Ich will etwas erreichen, Einfluss haben, in Erinnerung bleiben."
 

   Die vier Lebensängste

Wir alle tragen seit unserer Kindheit Wünsche und Sehnsüchte in uns, die nicht erfüllt wurden. In uns schlummert mancher Schicksalsschmerz- ein Lebensschmerz, der uns antreiben oder lähmen kann (im Extremfall in die Manie oder in die Depression). Wahrnehmung und Therapie im weiteren Sinne ereignet sich durch ein gutes Gespräch mit einem guten Freund, durch wenige Augenblicke des Nachdenkens, ein Kunstwerk, eine Predigt, eine persönliche Krise, ein Verlust. Diese Momente erinnern uns daran, dass unsere tiefsten Wünsche unerfüllbar sind: unser Wunsch nach ewiger Jugend, nach Rückkehr unserer Lieben, nach ewiger Liebe und Geborgenheit, nach Ruhm- mit anderen Worten nach Unsterblichkeit. Wenn diese unerfüllbaren Wünsche so übermächtig werden, dass sie unser Leben beherrschen, wenden wir uns hilfesuchend an unsere Familie, an Freunde, an die Religion- und manchmal auch an die professionelle Psychotherapie.

Die überwiegend jungen Menschen, aber durchaus auch älteren Patienten, die zu mir in die Praxis kommen, leiden unter gesellschaftlich geläufigen Problemen des Alltags. Sie klagen über Einsamkeit, Trennung, Leistungsdruck, Leistungseinbusse, Übergewicht, Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Lendenschmerz,  Liebesobsession, Stimmungsschwankung, Ängste. Sie alle haben ihre persönliche Geschichte. Im Verlauf des weiteren therapeutischen Prozesses kann sichtbar werden, dass ein Kampf mit erheblichen existentiellen Ängsten ausgetragen wird. Dabei sind diese Ängste keineswegs der Grund, weshalb die Patienten ärztliche Hilfe aufsuchen. Und doch enthüllt die Therapie, wenn man sich auf sie einlässt, "irgendwie" die tieferen Wurzeln dieser alltäglichen Probleme. Wurzeln, die an den Kern der Existenz rühren.

"Ich will ! Ich will !". Diesen Aufruf höre ich immer wieder im Verlauf dieser Geschichten. Er offenbart die Lebens- und Existenzangst, die wir alle kennen und die nicht primär auf unterdrückten Trieben oder unbewältigten Tragödien fußt, wie sie die Freudianer aufzudecken suchen. Wir alle stellen uns den unausweichlichen Tatsachen des Lebens: sterben zu müssen, über unseren Lebensstil frei entscheiden zu können, letztendlich isoliert zu sein und einen Lebenssinn zu suchen, der oftmals nicht erkennbar ist. Diese existentiellen Tatsachen sind es, aus denen die Lebensängste herrühren.
 

a) Die Unausweichlichkeit des Todes

Die eindeutigste Tatsache des Lebens ist die Unausweichlichkeit des Todes. In unserem Innersten besteht ein nie endender Konflikt zwischen dem Wunsch nach Unsterblichkeit und der Gewissheit des Todes. Um uns der Realität des Todes anzupassen, versuchen wir auf vielfältigste Weise, ihn zu leugnen, ihm zu entkommen. Besonders raffiniert sind wir in unserer Kindheit, wenn wir im Besitz eines Zauberstabes sind und uns die Welt gehört. Kinder brauchen nur die Finger vor die Augen zu halten, um unsichtbar zu sein und jeglichen Verfolger abzuschütteln. Wenn wir erwachsen werden, streben wir nach Unsterblichkeit, indem wir Ruhmreiches für die Nachwelt erstreben, indem wir uns durch unsere Kinder in die Zukunft fortpflanzen oder an ein religiöses System klammern, das uns ein Überleben im Geiste verspricht. Es macht keinen Sinn, ständig im Bewusstsein des Sterbens zu leben. Die meisten von uns genießen ihr Leben, indem sie möglichst viel Spass suchen und es mit Woody Allen halten, wenn er sagt" ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich will nur nicht da sein, wenn er kommt." Nur selten, vielleicht nur ein- oder zweimal im Leben, versagen alle Verleugnungsbarrieren, etwa wenn wir dem Tod selbst nahe waren oder eine geliebte Person gestorben ist.  Auch im Alter wird es schwieriger, den herannahenden Tod zu verleugnen. Mancher versucht dann, den Zauberstab aus seiner Kindheit durch sexuelle Leistung zurück zu bekommen. Oder Ehen brechen auseinander, da ein jüngerer Partner im Spiel ist.
 

    b) Die Freiheit

Eine weitere Tatsache unserer Existenz ist die Freiheit, entscheiden zu können. Sie ist die Antithese des Todes schlechthin, da sie unser Leben erweitern kann. Wir werden nicht in eine stets wohlgeordnete, gerechte Welt hineingeboren und haben meist im Laufe des Lebens die Freiheit, für unsere eigene Lebenssituation durch eigene Entscheidungen verantwortlich zu sein. Wie Sartre sagt, haben wir die Freiheit, "alles außer unfrei zu sein und sind somit zur Freiheit verdammt". Einige Philosophen wie Marc Aurel gehen sogar weiter und behaupten, dass die Art, wie wir denken - also die Architektur unseres Geistes - jeden von uns für die Struktur unserer äußeren Realität verantwortlich macht ("man ist, was man denkt"). 

Diese Freiheit stellt für die meisten Menschen ein Dilemma dar. Der Freiheitsbegriff impliziert, dass wir unsere Beine nicht auf vorgegebenen starren Bahnen bewegen und dass ein Boden fehlt. Und wo kein Boden ist, dort ist Abgrund. Wenn wir nun in unseren Wünschen blockiert sind, weil wir weder unsere Gefühle noch Sehnsüchte kennen oder zulassen, so fehlt uns die Richtung , wir machen wir uns zu leicht zum Spielball anderer und laufen Gefahr, unsere Individualität preiszugeben. Wie auch immer, wir müssen uns entscheiden, und wir müssen bereit sein, dabei auf Alternativen zu verzichten und das Ende aller Optionen zu akzeptieren.
 

c) Die existentielle Isolation

Die dritte Grundtatsache unseres Lebens ist die existentielle Isolation, die unüberbrückbare Kluft zwischen dem Ich und den anderen. Auch in intensivsten Beziehungen zu anderen ist sie letztendlich nicht zu überwinden. Der verzweifelte Versuch, dieser Isolation zu entkommen, kann die Beziehungen zu anderen und zu sich selbst paradoxerweise sabotieren. So manche Freundschaft oder Ehe scheitert, weil wir den anderen als Schutz gegen die Isolation benutzen und missverstehen. Eins der großen Paradoxe des Lebens ist, dass Selbstwahrnehmung Angst erzeugen kann. Die Verschmelzung mit anderen rottet diese Angst scheinbar radikal aus, indem sie die Selbstwahrnehmung und sie damit verbundene Angst vor Isolation schwächt oder sogar ausschaltet.
Ich erinnere mich an eine Begegnung mit dem Grossvater einer Freundin, der die liebevollste Ehe führte, von der ich jemals erfahren habe. Kurz vor dem Tod seiner Frau, mit der er 40 erfüllte Jahre seines Lebens verbrachte, antwortete er auf meine Frage, ob er sich ein Leben alleine ohne seinen Partnerin vorstellen könne, unverblümt "wir kommen alleine auf diese Welt und werden alleine sterben, was nie zu vergessen ist".
 

d) Der Lebenssinn

Wenn also der Tod unvermeidlich ist und alle unsere Errungenschaften, ja sogar das ganze Sonnensystem eines Tages in Trümmern liegen (?), wenn die Welt vielleicht das blosse Werk des Zufalls ist, ebensogut alles hätte anders sein können und wenn die Menschen sich innerhalb dieser Welt aufgrund ihrer Freiheit ihren eigenen existentiellen Entwurf schaffen und sich entscheiden müssen und dabei alleine sind- welchen Sinn kann das Leben dann haben ? Viele Patienten suchen einen Therapeuten auf, weil sie das Gefühl haben, dass ihr Leben ohne Sinn und Ziel ist. Da wir uns angesichts Katastrophen und zufälliger, strukturloser Ereignisse hilflos und verwirrt fühlen, versuchen, wir, sie zu ordnen und sie auf diese Weise beherrschbar zu machen. Versagen unsere Mechanismen, so befinden wir uns mitten in der Krise. Viele sind auf der Suche nach Gott, nach einer göttlichen Ordnung. Ebenso wichtig ist sicherlich, dass Sinnfindung zur Entstehung von Werten führt. Die Frage nach dem Warum führt in der Therapie auch zur Antwort auf die Frage nach dem Wie. "Warum lebe ich" erfährt die Bedeutung "Wie lebe ich ?".
 

Therapie

Die Suche nach dem Sinn muss ähnlich wie die Suche nach dem Glück indirekte Wege gehen. Je mehr die Patienten danach suchen, desto unwahrscheinlicher werden sie fündig werden, denn rationale Fragen nach dem Sinn überdauern die möglichen Antworten. Sinn erwächst aus sinnvollem Tun. Es bedeutet ein Sicheinlassen, Verpflichtung und Übernahme von Verantwortung. Hierauf muss die Psychotherapie ihre Bemühungen lenken.

Das existentielle Dilemma mit der hoffnungslosen Suche nach Sinn und Gewissheit spielt in der Psychotherapie eine ungeheuer wichtige Rolle. Hier hat man mit einer beträchtlichen Ungewissheit zu kämpfen. Die Fähigkeit, diese auszuhalten, ist somit eine wichtige Voraussetzung der therapeutischen Tätigkeit. Die Versuchung, sich einer ideologischen Schule oder einem starren therapeutischen System anzuschliessen - und somit eine Patentlösung anzubieten - ist groß, doch eine dogmatische Fixierung blockiert meist die notwendige Offenheit und Spontanität der Begegnung.

Vielleicht ist dies sogar die goldene Regel: Jeder von uns kann in eine solche existentielle Krise stürzen, dass alle Abwehrmechanismen versagen und wir zu Patienten werden. Schließlich ist unser Leben immer mit dem Tod verbunden, unsere Liebe mit Verlust, unsere Freiheit mit Furcht und unser Wachsen mit Trennung. Dieses Schicksal teilen wir alle.

Bei all diesen Lebensängsten setzt die Psychotherapie an. Wenn ich von Psychotherapie spreche, so meine ich nicht ausschliesslich archäologische Ausgrabungen in der Kindheit. Es mag in Frage gestellt sein, ob ein Therapeut seinem Patienten nur dadurch hilft, dass er unentwegt in dessen Vergangenheit herumstöbert. Vielmehr bin ich überzeugt, dass ein Therapieerfolg darauf beruht, dass der Therapeut am Hier und Jetzt Anteil nimmt, das Vertrauen gewinnt und ein Partner wird. Mein australischer Mentor und Freund Dr. Komeda aus Perth gab mir eine treffende Definition der Beziehung von Therapeut und Patient: Sie ist ein möglichst achtsamer und liebevoller Austausch zwischen zwei Menschen im Hier und Jetzt, wobei der eine größere Schwierigkeiten hat als der andere. Die eigentliche therapeutische Kraft liegt in der Beziehung, und der Patient kann diese dazu nutzen, durch Anstösse sein Leben und seine Gedanken auf eine für ihn förderliche Bahn zu bringen.

Der entscheidende erste Schritt in der Therapie ist daher die Bereitschaft des Patienten, Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Lebens zu übernehmen. Solange geglaubt wird, die Probleme seien lediglich von aussen verursacht, bleibt jede Therapie wirkungslos. Sie führt zum Irrglauben, dass nur die äussere Welt verändert und ausgewechselt werden muss.


                B. Buse, Luzern

                In Anlehnung an I. Yalom

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